Windows 11: Marketing-Gag oder neues innovatives Betriebssystem?

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Von Fabrizio Gobeli

Seit dem Release von Windows 2000 bis zu dem heutigen Windows 10, war es interessant zu beobachten, dass sich jeweils immer nur jede zweite Windows-Generation im Unternehmensmarkt durchsetzen konnte (Windows 2000, Windows XP, Windows 7, Windows 10), während die Versionen dazwischen unbeachtet blieben und eher im privaten Umfeld genutzt wurden (Windows ME, Windows Vista, Windows 8/8.1). Falls sich dieser Trend weiter fortsetzen sollte, wäre Windows 11 demnach eine dieser Versionen, die im Geschäftsbereich übergangen wird. Eigentlich sollte Windows 10 die letzte Version des Betriebssystems aus dem Hause Microsoft sein. Das zumindest kommunizierten die Redmonder bei der Ankündigung vor sechs Jahren an der Ignite in Chicago. Nachdem die Gerüchteküche nun schon seit einigen Monaten brodelte, ist es seit dem 24. Juni 2021 offiziell: Windows 11 kommt doch. Bereits seit Ende Juni 2021 können Windows Insider das neue Betriebssystem ausprobieren – wobei in dieser Version zu Beginn noch nicht alle geplanten neuen Funktionen enthalten sind. Weitere Features kommen allerdings fast wöchentlich hinzu. Wir haben die Windows 11 Insider Version bereits schon mehere Wochen getestet und fassen die wichtigsten Informationen zusammen.

Wann ist der offiziele Starttermin von Windows 11?
Die Freigabe der finalen und offizielen Windows 11 Version ist für die US-amerikanische Holiday Season geplant, die Anfang November 2021 mit Thanksgiving startet.

Ist Windows 11 kostenlos und wie erfolgt das Update?
Das Update von Windows 10 auf Windows 11 ist kostenlos und wird analog einem Build (Feature) Update zur Verfügung gestellt werden. Damit das Update klappt, muss mindestens Windows 10 (Version 20H1 oder höher) installiert sein. Ausserdem müssen die neuen Windows 11 Hardware-Voraussetzungen erfüllt werden.

Wie sehen die neuen Windows 11 Hardware Voraussetzungen aus?
Nicht jedes Windows-10-System wird auch Windows 11 ausführen können, denn Microsoft schraubt die Hardware Anforderungen deutlich nach oben. Neben 64bit, 64 Gigabyte Festplattenspeicher sowie 4 Gigabyte Arbeitsspeicher ist zusätzlich ein UEFI-Bios mit den Sicherheitsfunktionen Secure Boot und einem TPM-2.0-Chip nötig. Ausserdem muss die Grafikkarte kompatibel zu DirectX 12 sein. Die höchste Windows-11-Hürde für ältere Geräte ist aber zweifellos der Prozessor. Auf Support-Seiten führt Microsoft die kompatiblen Chips auf. Demnach unterstützt Microsoft nur noch Prozessoren ab Intels 8. Generation, AMDs Zen-2-Linie und der Qualcomm-Serie 7 und 8. Damit wären – grob gesagt – alle PCs und Notebooks aus dem Rennen, die älter als drei Jahre sind. Eine detailierte Auflistung ist hier zu finden:
https://www.microsoft.com/de-de/windows/windows-11-specifications

Derzeit ist Microsoft noch dabei, die genauen Anforderungen zu prüfen. Ob Ihre Hardware fit für Windows 11 ist, können Sie mit dem kostenlosen Programm WhyNotWin11 testen.
https://github.com/rcmaehl/WhyNotWin11

Wie lange wird Windows 10 noch supported sein?
Der Support für Windows 10 wird im Oktober 2025 enden. Microsoft hat ankündigt, Windows 10 noch mindestens bis zum 14. Oktober 2025 weiter mit Security Updates zu versorgen. Ob Microsoft die halbjährliche Veröffentlichung neuer Windows 10 Versionen auch künftig beibehält oder nur noch den üblichen Zyklus mit den monatlichen Sicherheitsupdates bereitstellen wird, ist noch nicht bekannt. Bisher wurde nur der Windows 10 21H2 Build offiziel angekündigt, welcher voraussichtlich im Oktober 2021 erscheinen wird.

Was sind die wichtigsten neuen Features von Windows 11?
Gemäss Microsoft soll sich Windows 11 den Nutzenden neu aber auch zugleich vertraut präsentieren. Das neue Betriebsystem stellt daher nicht alles auf den Kopf, sondern optimiert zum grössten Teil die Produktiviät und wird offener gegenüber Drittanbietern.

  • Neue Optik
    Microsoft hat das Userinterface komplett überarbeitet. Die Taskbar und das Startmenu ist neu in der Mitte zu finden. Es gibt neue Hintergründe und die Fenster haben ein neues Design.
  • Neue Snap-Layouts für effizienteres Multi-Tasking
    Die neuen Snap-Layouts machen die Anordnung von Fenstern auf dem Desktop, die Gruppierung von thematisch zueinander passenden Fenstern (Snap Groups) oder die Einrichtung von thematisch zueinander passenden virtuellen Desktops einfacher.
  • Verbessertes Multi-Monitor Verhalten
    Windows 11 kann sich angeschlossene externe Displays und die darauf angeordneten Apps besser merken, so dass der Nutzer dasselbe Szenario wieder vor sich findet, wenn er mit seinem Notebook zwischendurch nicht am Schreibtisch mit zweitem Monitor gewesen ist.
  • Widgets
    Neu sind Widgets, kleine Infoschnipsel, die sich per Mausklick (Widget Icon in der Taskbar) auf dem Desktop einblenden lassen und Nachrichten, Aktienkurse oder Wetterdaten liefern.
  • Messenger Teams ersetzt Skype
    Teams wird Standard, Skype wiederum verschwindet aus dem Portfolio der ab Neuinstallation installierten Apps. Wer Skype unter Windows 11 nutzen will, muss es in Zukunft erst über den Microsoft Store installieren.
  • Neuer Microsoft Store mit Support für Win32-Installer und Android-Apps
    Der neue Microsoft Store wird zu einer offenen Plattform, der künftig jede Art von Anwendungen wie Win32, .NET, Universal Windows Platform (UWP), und Progressive Web Apps (PWAs) beherbergen kann. Damit macht es Microsoft Drittanbietern einfacher, ihre Anwendungen über den Microsoft Store zu verbreiten, indem die UWP-Pflicht für Anwendungen aufgehoben wird und auch Software mit Win32-Installer zugelassen werden. Zusätzlich verzichtet Microsoft nicht nur auf einen Anteil an den Einnahmen, sondern überlässt den Entwicklern auch komplett die Bereitstellung und Aktualisierung der Software. Zum ersten Mal sind über den Microsoft Store Windows Desktop-Anwendungen wie «Zoom» oder «Adobe Acrobat Reader» verfügbar. In den Einträgen ist am Zusatz «Bereitgestellt und aktualisiert von» für den Nutzer erkennbar, dass der Hersteller selbst für die Verbreitung der Software verantwortlich ist. Unter Windows 11 werden über den Microsoft Store künftig auch Android-Apps herunterladbar und nutzbar sein. Umgesetzt wird dies über die Integration des Amazon App Stores – alle Apps, die es dort gibt, sollen auch auf Windows 11 verfügbar und lauffähig sein. Dank einer speziellen Intel-Technologie («Intel-Bridge-Compiler») funktionieren sie auch im Windows-Universum.
  • Optimeriung für Windows Updates
    Die Installation von Updates unter Windows 11 werden optimiert: Sie sollen bis zu 40 Prozent kleiner sein und auch im Hintergrund ablaufen können, also nicht in jedem Fall einen Neustart erforderlich machen.
  • Nur noch ein grosses Build (Feature) Update pro Jahr
    Im Gegensatz zu Windows 10, wo es bis zuletzt zwei grössere Build (Feature) Updates («H1» und «H2») pro Jahr gab, soll es bei Windows 11 nur noch ein grosses Update pro Jahr geben. In den Editionen Home und Pro erhält eine Windows 11 Version 2 Jahre Bugfixes und Sicherheitsupdates, für Windows 11 Enterprise und Education beträgt dieser Zeitraum 3 Jahre.

Wo kann ich Windows 11 vorab testen?
Windows 11 kann im Rahmen des Windows Insider Programms vorab getestet werden.
https://insider.windows.com/de-de/

Wie stabil läuft der Windows 11 Insider Build?
Microsoft hat mit der Windows 11 Insider Version 22000.100 bereits die erste Beta-Version von Windows 11 veröffentlicht. Die über den «Beta-Kanal» verbreiteten Vorabversionen sind stabiler und zuverlässiger als die Vorabversionen, die über den «Dev Channel» zur Verfügung gestellt werden. Aktuell arbeite ich täglich mit dem Windows 11 Insider Build 22000.132 (Release vom 12.08.2021). Seit diesem Build sind mir keine Bugs mehr aufgefallen. Bei älternen Builds gab es noch Probleme mit Windows Hello, Windows Exporer Restarts und Verbindungsprobleme mit Hotspots. Der neuste Build läuft bereits sehr stabil und zuverlässig. Auch die wöchentlichen Feature Updates und Bugfixes funktioneren ohne Probleme. Bisher musste ich noch nie auf meinen alten Windows 10 Client zurückgreifen.

Unser Windows 11 Fazit
Ist nun Windows 11 ein Marketing-Gag oder doch ein neues innovatives Betriebssystem? Die Frage lässt sich am besten mit einem «Jein» beantworten. Windows 11 ist zwar nur eine Weiterentwicklung von Windows 10, aber eben auch nicht nur reines Marketing. Mit Windows 11 kommen diverse technische Verbesserungen hinzu. Das Basis-Betriebsystem bleibt dabei aber gleich. Windows 11 ist also kein radikaler Neubeginn für die Windows Welt, sondern baut auf Windows 10 auf. Das Update von Windows 10 auf Windows 11 ist also am Besten mit einem grossen Build (Feature Update) vergleichbar. Grundsätzlich hätte man Windows 11 also auch einfach als Build/Feature-Update veröffentlichen können. Das neue Design mit der neuen Taskbar und Startmenu in der Mitte erinnert an macOS und ist sicher Geschmacksache. Man hat allerdings die Möglichkeit beides wieder nach Links zu verschieben. Die verbesserte Fensteranordnung (Snap-Layouts) ist das Highlight und eines der besten neuen Features. Freuen darf man sich ausserdem auf den stark verbesserten Microsoft Store, der ein viel besseres Software-Angebot bieten wird als bisher unter Windows 10. Der neue Microsoft Store wird allerdings auch für Windows 10 verfügbar sein, ist also kein Windows 11 Only Feature. Erfreulich ist sicher auch, dass es nur noch einmal pro Jahr ein grosses Build (Feature) Update geben wird und die Updates generell optimiert werden. Bekanntlich haben sowieso die meisten grösseren Firmen jeweils immer ein Build (Feature) Update übersprungen, weshalb die neue Update Strategie von Microsoft sicher Sinn ergibt. Mit Windows 11 konzentriert man sich ausserdem auf die Erhöhung der Sicherheit, die Verbesserung der Zuverlässigkeit und die Gewährleistung der Kompatibilität. Aus genau diesen drei genannten Grundsätzen (Security, Reliability und Compatibility) lassen sich auch die neuen, strengeren Hardwareanforderungen erklären und wieso ältere Prozessoren nicht mehr supported werden sollen. Auch wenn ein absolutes «Killer-Feature», welches den Umstieg auf Windows 11 unverzichtbar macht, ausbleibt, sind die geplanten neuen Wege betreffend Windows Store und Windows Updates als positiv zu betrachten und die neuen Features verbessern die Produktivität/User Experience.